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Von der Praxis zur Theorie

Mein eigenes berufliches Agieren zwischen Kunstmarkt, Kunstvermittlung und freiem Kuratieren, vor allem aber die Zusammenarbeit mit dem Künstlerteam einer Produzentengalerie führten 2009 zu dem Entschluss, meine Erfahrungen und daraus resultierende Fragestellungen in eine wissenschaftliche Untersuchung zu überführen. Seitdem promoviere ich zu dem Thema

 

"Künstlerische Selbstorganisation: Produzentenräume in Deutschland:

Prekarität als Erfolgsstrategie?"

 

Meine Dissertation wird von Prof. Dr. Beatrice von Bismarck an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig betreut und seit Juli 2010 von der Hans-Böckler-Stiftung mit einem Promotionsstipendium gefördert.

Forschungsthema

Im Zentrum steht die Untersuchung selbstorganisierter Arbeitsstrukturen von KünstlerInnen und KulturakteurInnen in Form von Produzentenräumen in Deutschland.

 

Gemeint sind kollektive Zusammenschlüsse mit der Zielsetzung, die eigenen künstlerischen Erzeugnisse und Haltungen als gewollte Alternative oder aber Brückenschlag zu etablierten Ausstellungseinrichtungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Je nach Gründungsmotivation kann ein Produzentenraum als Plattform und Netzwerk für die eigene oder kollegiale Kunstvermittlung dienen, zum Diskurs kunstimmanenter bis gesellschaftspolitischer Fragen beitragen und/oder den Eintritt in den Kunstmarkt vorantreiben.

 

Der Begriff „Produzentenraum“ enthält die kleinsten gemeinsamen und zugleich wichtigsten Nenner dieser Zusammenschlüsse:

 

1. die Produzenten, d.h. Künstler, nicht selten im Verbund mit weiteren, vorwiegend dem kulturellen Feld nahestehenden Akteuren.

 

2. den Raum, d.h. einen selbstverantwortlich betriebenen Versammlungs- und Präsentationsort für Ausstellungen oder kulturelle Veranstaltungen.

 

Der Terminus umfasst Initiativen kommerzieller und nicht-kommerzieller Ausrichtung und distanziert sich von aktuell kursierenden Bezeichnungen wie Projektraum, Off-Raum, Artist Run Space oder Produzentengalerie, die je nach Aussageabsicht und -kontext unscharf verwendet werden.

 

Der Untertitel der Arbeit „Prekarität als Erfolgsstrategie?“ verweist pointiert auf das ambivalente soziale Spannungsfeld von Produzentenräumen:

 

Einerseits erfreuen sich diese derzeit vor allem in Kunstmetropolen und bei noch nicht etablierten Künstlern großer Beliebtheit und weisen eine hohe Wachstumsrate auf. Die Motivation, gemeinsam in einem selbstbestimmten Rahmen ohne das Mitspracherecht Dritter (Galeristen, Kuratoren, Institutionen) Kunst zu präsentieren und zu diskutieren, scheint groß zu sein. Damit verknüpft ist die Hoffnung auf ein Selbstorganisationsmodell, das mehr verspricht als die Kunstproduktion als Einzelner im Atelier oder Privatraum.

 

Tatsächlich arbeiten viele Produzentenraumbetreiber jedoch auf einem Low- oder sogar No-Budget-Niveau, investieren mehr Zeit und Geld als sie erwirtschaften oder durch Fördergelder abdecken können, finden oft nur in Form temporärer Zwischennutzungen bezahlbare Räume und verschärfen damit unter Umständen die existentiellen Unsicherheiten, mit denen die Mehrheit von ihnen als freiberufliche Künstler ohnehin schon zu kämpfen hat. Die Arbeitskonditionen scheinen sich in ihren Grundzügen mit denen zu decken, die seit einigen Jahren unter dem Begriff der Prekarität diskutiert werden.

 

Die Untersuchung setzt hier mit den folgenden Forschungsfragen an:

 

Was genau motiviert diese Initiativen?

 

Welche Ziele verfolgen sie und welche Erfolgsdefinitionen treiben sie an?

 

Wie organisieren sie sich und welche Strategien setzen sie ein?

 

Wie prekär sind ihre Arbeitskonditionen tatsächlich und werden diese kritisch reflektiert, freiwillig in Kauf genommen oder sogar als konstituierender Bestandteil der Selbstorganisation favorisiert?

 

Zugespitzt formuliert:

Verspricht das Modell Produzentenraum trotz oder gerade wegen seiner prekären Anlagen erfolgreich zu sein? 

 

Ein damit zusammenhängende Spannungsfeld zeigt sich in der Vorbildfunktion, die dem Kunstfeld für die postfordistischen Arbeitszusammenhänge in der Wirtschaft zugeschrieben wird. Kreativität, Flexibilität, Innovation und Selbstbestimmung - ehemals Alleinstellungsmerkmale der "Freien" Künste - sind zunehmend auch Maßstäbe im ökonomischen Feld. Die Abweichung wird somit selbst zur Norm: Laut Ulrich Bröckling (Das unternehmerische Selbst, 2007) ist jeder Widerstandsversuch, nicht regiert zu werden, integraler Bestandteil des Systems, gegen das er sich wendet.

 

Tatsächlich nutzt nicht nur die Wirtschaft kulturelle Strategien für sich, sondern umgekehrt halten auch Selbstmanagement und Vermarktungsstrategien immer souveräner Einzug in künstlerische (Über)Lebensformen.

 

Viele Produzentenraumbetreiber verwenden z.B. Methoden des Brandings (prägnanter Name, Standort, Logo), des Fundraisings (Fördermittel-Akquise) und der Public Relation (Flyer, Website, Pressetexte). Ihre Tätigkeit reicht weit über die eigene Kunstproduktion hinaus und kann für solidarische Vernetzungen und informelle Nischenökonomien sorgen. Künstler werden zu Galeristen, Kuratoren, Kulturarbeitern oder Projektmanagern in einer Person – und damit zu sich selbst professionalisierenden VerhandlungspartnerInnen, die sich in Zeiten der Finanzkrise weder zu bloßen Kunstlieferanten noch zu passiven Arbeitsmarktkritikern degradieren lassen. 


Künstlerinnen und Künstler haben also - in dem Kräftefeld zwischen dem Widerstand gegen eine Ökonomisierung einerseits und der Affirmation ihrer Strukturen andererseits - zu ihrer Rolle als "Kreativarbeiter" oder "künstlerischer Entrepreneur" Stellung zu beziehen und den Verhandlungsprozess um ihre Berufsausübung mit zu gestalten -

 

Eine Möglichkeit ist die Organisation eines Produzentenraums.